Klänge von unten

Die klassische Auffassung ist: der Mensch als Krone der Schöpfung, das Tonsystem als Geschenk der Götter an die Menschen, die sieben Töne als Abbild eines geordneten Kosmos. Die erste kopernikanische Wende der Renaissance vertrieb den Menschen aus dem Mittelpunkt der Welt und verunsicherte ihn damit zutiefst. Die zweite Wende entlarvte die Psyche des Menschen und kränkte damit seine Eitelkeit. Heute zeigt die aktuelle Verhaltensforschung, wer der Mensch wirklich ist.

Eine weitere kopernikanische Wende vollzieht sich in dieser Zeit an unserem Tonsystem. Die Orgel ermöglichte schon die artifizielle Erstellung jedweder Klangfarbe (große Instrumente in den USA), blieb aber dem traditionellen Tonsystem weitgehend treu. Die neuen Klangtechnologien ermöglichen nun aus der Physik von unten mit den gegebenen Elementen jeden Klang und jedes Tonsystem (z.B. seien hier nur die Mikro-Intervalle erwähnt) zu erstellen. Darunter kann auch das traditionelle Zwölftonsystem sein. Dieses wird dann z.B. beim neuen V-Synth der Firma Roland mit 100% für die Halbtöne eingegeben. Einstellbar sind jedoch 100 bis 10%. Auch die invertierten Werte von -10 bis -100% sind verfügbar, das Tonsystem läuft dann von oben nach unten oder gegenläufig. Nicht die Götter schenken uns diese Systeme, sondern die Physik, die Natur des substantiellen Untergrundes. Vielleicht sind dies die neuen Götter, die uns nun, anders als bisher, beschenken.